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Caput IV

Fern im tiefsten deutschen Osten,
bei dem Bitterfelder Schlot,
hinter Wachkommandoposten
lag der deutsche Garten tot.
Bei Schwerin, dem Stern im Norden,
war der See einst himmelblau.
Doch die Fische tat man morden,
und die Wasser wurden grau.
     
Zu viel Säure war geflossen,
zu viel Schwefel war verraucht,
und es wußten die Genossen nicht,
was unser Garten braucht.
Zu viel Gülle ward vergossen,
zu viel Jauche ward versprüht,
und die führenden Genossen
sind vor Eifer hell erglüht.
     
Weiter noch in dem Spreewald,
einer deutschen Landeszier,
lag die Kohle braun auf Halde.
Dörfer lagen unter ihr.
In der Zeitung stand geschrieben:
Hier ist alles wunderbar;
Fürchterlich ist es da drüben,
siehe dazu Kommentar
     
Tagebaue, breit erschlossen,
Bagger haben wild gefaucht.
Niemals wußten die Genossen,
was der Garten wirklich braucht.
Kommentare, scharf geschnitzelt,
die Gehirne abgetaucht,
bei den Führenden gewitzelt:
Das ist's, was der Bürger braucht !
     
Caput IV Werk und Städte bald vernichtet,
Wald und Flur fast totgemacht,
Geister wurden zugerichtet
Und Gefühle umgebracht.
   
Kaum, daß Freiheitspflänzlein sprossen,
wurden wütend sie gestaucht,
denn es wünschten die Genossen
Saat nicht, die der Garten braucht.
  
Viele hatten doch ein Leben
Lang geschuftet wie das Vieh,
hatten Herzblut hingegeben -
hart betrogen wurden sie.
  
Viele wurden eingeschlossen,
manches Leben ist zerrissen,
nichts erlaubten die Genossen,
nur das Leitartikelwissen.
     
     
       
     
Caput XX

Wir haben nun mit verzückter Miene
in unserer Presse gelesen:
So herrlich ist es im teutschen Lande
zu keiner Zeit gewesen
Brüderlichkeit zwischen jenen,
die in Spielcasinos brillieren,
und jenen, die halb erfroren
unter den Brücken kampieren?
     
wie jetzt in unserem einigen Reich,
Deutschland über alles!
Den Verfassungsschutz haben wir
nur für den Fall eines Falles.
Humanität der Banken
mit dem Freund, der die Arbeit los ist,
der sein kleines Haus verpfändet,
weil die Sorge unendlich groß ist?
     
Pressefreiheit haben wir nun,
so lese ich mit Interesse.
Es stimmt, ich habe die Freiheit,
doch Herr Burda hat die Presse.
Es avancierte der Ingenieur,
er wurde Zeitungsverkäufer.
Der Professor der Medizin
wurde Versicherungsläufer,
     
Wir haben wahre Brüderlichkeit,
der Arbeitgeber ist lieb:
nimmt für wenig Geld die Arbeit,
und niemand schimpft ihn Dieb.
der Rinderzüchter bedient
in einem Imbißwagen,
die Feinmechanikerin muß es
als Prostituierte wagen,
      
Hingegen der Arbeitnehmer,
der seine Arbeitskraft gibt,
ist beim Unternehmerverband
gar nicht so beliebt,
und Künstler und Literaten,
Zierde der Kulturnation,
sie verdingen sich mittlerweile
als billige Knechte schon;
      
denn die Arbeitnehmer fordern
Arbeitsplätze und Lohn,
ja, wegen solcher Lappalien
marschieren und streiken sie schon.
wer von den hohen Beamten
den goldberingten Herrn
sieht solche miesen Gestalten
im stolzen Deutschland schon gern?
      
Man fordert gerechte Bezahlung,
als ob man davon was verstünde;
gerecht ist hierzulande,
zu sichern Besitz und Pfründe.
Märchenhaft sind die Thesen,
Wirklichkeit werden sie nicht,
auch wenn die Erde stehn bleibt
und der Jüngste Tag anbricht.
      
Das Volk, der große Lümmel,
muß sich einiges abgewöhnen,
dann wird die wirkliche Einheit
das deutsche Land verschönen.
Es gibt keine Brüderlichkeit,
und die Einheit, sie kommt nie;
es bleibt der deutsche Osten
die Hinterhauskolonie.
      
Einheit – welch´ großer Gedanke,
doch ich denke, sie ist ein Märchen.
Gibt es Einheit zwischen mir
und denen, die mich beherrschen?
Es bleibt bei oben und unten,
bei Mächtigen und bei Schwachen.
Vielleicht, daß die Schwachen nochmal
wie Neunundachtzig erwachen?
      
Gleichheit zwischen armen Teufeln
und geldschweren Profiteuren?
Zwischen den ehrlichen Streitern
und politischen Bankrotteuren?
Erlangen wir wirklich Freiheit
und ein gerechteres Leben,
daß die Reichen den Überfluß
den Minderbemittelten geben?
       
Caput XX Daß die Arbeit gerecht verteilt wird
zu einem gerechteren Lohn?
Daß Macht- und Profitgier verschwinden
und Schacher und Korruption?
   
Ich weiß nicht, hat die Vision
in der Wirklichkeit einen Raum?
Ich höre nicht auf, zu träumen,
es ist ein zu schöner Traum.
   
Ja, nennt mich nur einen Träumer
und einen Erzoptimisten,
ich habe doch gesehen,
wie sich deutsche Brüder küßten,
   
das war im Jahr Neunundachtzig
beim Brandenburger Tor!
Daß Träume Wirklichkeit werden
kam also doch schon vor.
     
       
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