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Aus dem 1. Buch, Kapitel 4 „In alle Winde“

Der jüngste Sohn des Adligen Petrus Dobrovskij aus dem Oblast Moskau, Michail, war über viele Jahre Diplomat von Katharina der Großen in Berlin. Nach dem Tode seiner Frau kehrt er mit Tochter und Schwiegersohn nach Russland zurück...

Aber Michail lebt dann schließlich doch allein in seinem Schloss, vergräbt sich in Büchern und alten Karten. Er wird sonderlich. In dicken Hausschuhen aus Filz schlurft Michail durch seine Bibliothek, entnimmt hier und da ein Buch aus den Regalen, stellt es aber kopfschüttelnd wieder zurück. Das geht Stunden so, dann ruft er seinen alten Diener Karl, den er aus Berlin mit hierher genommen hat, weil dieser ihn flehentlich darum gebeten hatte.
Wie Karl in der Tür steht, schnauzt Michail ihn sogleich barsch an:
„Wo, du verdammter Kerl, ist das Buch von den Hexen geblieben? Ich such schon drei Stunden lang nach ihm, hast du in dem Wälzer geschmökert und ihn nicht wieder an seinen Platz gebracht?“
„Verzeihung Herr, aber ich weiß gar nichts von einem Hexenbuch, nein wirklich...“
„Du weißt nichts von einem Hexenbuch?“
Michail lässt sich in seinen mit grünem, schon abgewetztem Samt bezogenen Lesesessel fallen und greift nach der Karaffe mit dem Rotwein, „ach sieh mal an, du Schlehmihl, als wüsste ich nicht, wie verrückt du nach meinen Büchern bist! Als hätte ich dir nicht hundertmal von jenen grauslichen Hexenprozessen erzählt, abends, wenn wir beide am Kamin saßen, von dem scheußlichen Doktor Gogravius, wie er Oktobris 1724 befahl, der Ennecke Förstenees aus Coesfeld die Daumschrauben anzulegen, wie er ihr das Kapistrum in den Mund gelegt, die Arme rückwärts ganz nach oben drehen und sie dann einen Spann weit über dem Boden hängen ließ. Ich habe dir doch erzählt, wie man ihr dann noch die spanischen Stiefel angelegt, und sie dennoch zu keinem Geständnis ihrer Hexerei zu bewegen war, obwohl Dr. Gogravius dem Henker noch anwies, ihr Branntwein über den Rücken zu gießen und anzuzünden...“
„Hört auf, ich bitte Euch, Herr, bitte Euch sehr“,
schreit Karl, „um Himmels Willen hört auf mit solchen fürchterlichen Beschreibungen, ich kann das nicht hören, ich schwör Euch, Ihr habt mir nie auch nur ein einziges Wörtchen von diesen Schindereien erzählt, ich hätte es doch nicht ertragen!“
Karl scheint selber Folterqualen zu erleiden, sieht, mit rotem Gesicht, von unten flehentlich seinen Herrn an, dass er aufhören möge ihn zu quälen.
„Bei meiner seligen Mutter schwöre ich es Euch, Herr, nie habe ich so ein Buch gesehen oder angefasst, nie habt Ihr mir dergleichen berichtet!“
„Hinaus, du unverschämter Kerl, mich Lügen zu strafen, ich sage dir, das wird dir noch elend leid tun, hinaus, Satan, verfluchter, ach, ich hasse dein Lamentieren!“
Michail quält sich aus dem Sessel heraus, will die Weinkaraffe nach Karl werfen, doch er besinnt sich, schenkt das Glas voll und stürzt es mit einem Zug hinunter. Sitzt dann wieder am Lesetisch, der mit Bücherhaufen und alten Landkarten voll bedeckt ist, stiert vor sich hin, brabbelt deutsche und russische Sätze in den düsteren Raum hinein, sackt, nach weiteren Gläsern Rotspon, in sich zusammen und beginnt zu schnarchen.
Später kommt Karl und schleppt seinen Herrn zu Bett, er entkleidet ihn und deckt ihn sorgsam zu, blickt liebevoll auf den Schlafenden, denn er weiß, Michail ist kein böser Mensch, er war nie ein schlimmer Herr sondern immer gütig und voller Humor; aber er ist eben niemals über den Verlust seiner Josephine, seiner liebsten Berliner Jöre, wie er sie manchmal nannte, hinweg gekommen, auch fehlen ihm seine Wohnung in Berlin, die vertraute Umgebung, die alten Bekannten und was soll er hier, in diesem Kaff bei Moskau mit sich allein anfangen? Und auch Carl Christoph und Marie Louise sind selten da. Er ist allein, ganz allein und nur Karl, der alte, weißhaarige, klapprige Karl ist wie ein Schatten um ihn herum, und er ist selber bald nur noch der Schatten eines Schattens, der sich mehr und mehr dem Rotwein ergibt, den er mit Wodka hinunter spült, Bücher liest über grauenvolle Kriegsmetzeleien und abgehackte Arme und Köpfe oder über die bluttriefenden Foltern der Hexenprozesse.
So siecht er dahin in seinem einsamen, kalten Schlösschen, während Carl Christoph und Gattin direkt in Moskau wohnen. Denn hier ist Carl Christoph noch erfolgreicher in seinem Werke, hier sind die Beziehungen enger und mancher Vorteil lässt sich aus freundschaftlichen Verbindungen zu Beamten des Hofes oder zum Militär erzielen. Auch ist das Leben in Moskau vielseitig, Marie Louise hat Freundinnen, es gibt Theatervorstellungen und Bälle. Sie und ihr Gatte können sich sehen lassen in der gehobenen Gesellschaft, und diesem gesellschaftlichen Leben haben die beiden sich gänzlich und allein verpflichtet. Es ist sehr fragwürdig, ob zwischen ihnen eine große Liebe ist. Sie haben keine Kinder, was Michail immer und immer wieder bedauerte. Sie sind mit dem gleißenden Leben, mit Geschäften, Einkäufen, Empfängen beschäftigt, so vergeht ihr Leben, getuschelt wird hier und da, dass jeder der beiden gelegentlich seine eigenen Wege geht, diese oder jene Liebschaft wird Marie Louise nachgesagt, dem Carl Christoph ebenso, aber beide wissen voneinander Bescheid, und die Gesellschaft nimmt ohnehin nichts krumm, wenn man sich auch das köstliche Vergnügen des gehässigsten Klatsches gönnt; c´est la vie, so ist es in der feinen Moskauer Gesellschaft üblich, und ein gelegentliches Duell mit tödlichem Ausgang, durchgezogen wegen solcher Affaire ist eigentlich auch nicht weiter ernst gemeint, es gehört dazu, zu dem Spiel und dem Spaß der Oberen.
Michail indessen verfällt zusehends, und wiewohl Karl, der gute, treue, sich eifrig bemüht, seinem Herrn immer wieder etwas Nahrung schmackhaft zu machen, hier ein Kapaunflügelchen, dort ein wenig Trüffelpastete oder eine frische Orange, sorgfältig geschält und zerteilt, lehnt es Michail meistens kategorisch ab, etwas zu sich zu nehmen und greift statt dessen immer wieder zur Karaffe mit dem Kognak, ein Verhalten, dass Karl mit permanentem Kopfschütteln und vielen traurigen Seufzern quittiert.
An einem späten Abend, Karl ist längst zu Bett geschickt, brennt das Feuer im Kamin des großen Salons lichterloh. Und wie ein Gespenst sieht man Michail vor dem hellen Schein tanzen, er hält Josephines zartgrüne Ballrobe vor sich, das Oberteil mit dem runden Dekolleté und den zartgelben Seidenärmeln hängt über seinem linken Arm schlaff nach unten, so als trüge er eine Tote, deren Oberkörper herab gesunken ist. Mit dem rechten Arm presst er den unteren Teil des Kleides an sich, und so tanzt er mit ihr vor dem Kamin eine Runde nach der anderen, sein Gesicht der vermeintlichen Josephine mit einem glücklichen Lächeln zugeneigt.
Es ist der große Ballsaal des neuen Palais zu Sanssouci, in dem er sein geliebtes Weib rundum schwingt. Von dem Diadem auf ihrem kastanienbraunen, zu einem koketten Knoten geknüpften und von kaum wahrnehmbaren silbernen Fäden durchzogenen Haar blitzt das Licht von tausend Kerzen in den prachtvollen Kronleuchtern zurück. Der moderne Tanz, der Walzer, bringt sie beide in Schwung und die Bildnisse ihrer eleganten Gestalten sind in unzählbarer Menge in den goldgerahmten Kristalltrumeaus zu bewundern. Der König, der Große Friedrich, neigt ihnen von seinem erhöhten Sitz aus den Kopf zu, sein hartes, kantig-faltiges Gesicht wird angesichts des Paares von einem wohlwollenden Lächeln überflogen. Michail und Josephine schwingen und drehen sich nach den melodischen und rhythmischen Tönen des neuen Tanzes, schweben voller Glück im königlichen Paradies, umgeben von Licht, Gold, Kristall und von Beifall spendenden Ministern und deren Gattinnen, von Offizieren, Grafen und Baronen...

Am nächsten Morgen findet Karl seinen Herrn vor dem erloschen Kamin liegend, die Hand in das zerknüllte Ballkleid gekrampft, das Haar wirr in die Stirn hängend, aber mit einem merklichen Lächeln und mit offenen, blaugrauen Augen, die zwar starr, aber irgendwie glücklich in die Ferne zu blicken scheinen – in eine herrliche, verflossene Zeit.
Carl Christoph wird nach Michails Tod im März 1795, den die Kaiserin sehr bedauert, noch Kaiserlich Russischer Handelsrat, dann verlieren sich seine Spuren und die seiner Frau, Marie Louise, geborene Dobrovskaja aus Berlin.

Im Jahre 1795 wird der Rest von Polen aufgeteilt. Neuostpreußen mit Warschau, Bialystok und Masowien entsteht. An Russland gehen das westliche Weißrussland und Litauen, Österreich schluckt Westgalizien mit Krakau, Terespol und Kielce.
Ein ganzes Volk wird seines Heimatgefühls beraubt, indem man sein Land zerreißt, annektiert, zerstückelt. Damit wird eine alte Kultur zerstört, hier wird Deutsch, dort Russisch Amtssprache...

So ist schließlich auch Polen gestorben, verschwunden von der europäischen Landkarte. Im Jahr darauf stirbt Katharina die Große und mit ihr ein Jahrhundert. Das Neunzehnte steht vor der Tür.

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